Inspiriert durch den Workshop „Feuer und Stille“ von Andrea und Veit in Wien hat sich der Titel meines aktuellen Artikels wieder einmal wie von selbst ergeben. Eigentlich ging es im Workshop um das Ziel der Co-Kreation zwischen Mann und Frau, die – kurz zusammengefasst – erst dann möglich ist, wenn jeder so sein darf, wie er ist, wenn Mann und Frau ihre jeweiligen Unterschiede nicht nur akzeptieren, sondern sogar zu schätzen wissen, wenn wir mit uns selbst im Reinen sind und uns so lieben gelernt haben, wie wir sind.

Kindern das Gefühl geben, sie sind gut, so wie sie sind

Und genau diese Selbstliebe ist der Kern meines Herzensthemas: wenn es uns als Eltern gelingt, unseren Kindern das Gefühl zu geben, dass sie gut sind, so wie sie sind, dann tragen wir einen wesentlichen Beitrag zum Frieden hier auf Erden bei. Das mag erst einmal pathetisch klingen, doch bin ich felsenfest davon überzeugt, dass Menschen, die sich selbst lieben – oder sich zumindest mögen und liebevoll mit sich und ihren „Schwächen“ sind – auch mit den Menschen in ihrer Umgebung wesentlich liebevoller umgehen. Ich weiß, dass unsere heutige Welt anders ausschauen würde, wenn es mehr Menschen gäbe, deren Eltern es gelungen ist, sie so sein zu lassen, wie sie sind. Denn erst dieses „den anderen sein lassen, wie er ist“ setzt unglaubliche Potentiale frei. Wir können dann unsere Potentiale frei entfalten und unsere jeweilige „Bestform“ entwickeln.

Ich behaupte, dass das Gefühl, gut zu sein, so wie man ist, eines der Grundbedürfnisse von uns Menschen ist. Wenn dieses Grundbedürfnis erfüllt ist, dann ist es Menschen im Allgemeinen und Kindern und Jugendlichen im Besonderen möglich, sich zu der „Blume“ zu entwickeln, als die man geboren wurde. Die Metapher der Blume eignet sich im Zusammenhang mit der Entwicklung von Kindern aus meiner Sicht besonders gut, denn jedes Kind kommt als perfekter Samen auf die Welt, in dem bereits alle für diese Pflanze relevanten Anlagen enthalten sind. Die Aufgabe von uns Erwachsenen ist es „nur“ noch, herauszufinden, um welche Pflanze es sich dabei handelt, und was diese jeweils braucht, um sich bestmöglich zu entfalten. 

Und genau darin besteht die große Herausforderung. Denn viele Samen ähneln einander anfänglich sehr. Daher braucht es die besondere Beobachtungsgabe der Eltern und Bezugspersonen genau hinzuschauen, ob das Pflänzchen eher viel oder wenig Wasser braucht, was es schnell erblühen lässt oder was ihm gar nicht gut tut. Dabei werden wir als Eltern auch immer wieder Fehler machen, manche Bedürfnisse übersehen, manchmal zu viel oder zu wenig gießen. Auch das darf sein, denn wenn das Pflänzchen spürt, wie wichtig es für die Eltern ist, dass es sich selbst in seiner vollen Pracht als die Blume entfalten darf, die es ist, dann hält es manche „Fehlbehandlung“ gut aus. Aber wenn ein Kind, das als Rose geboren wurde, spürt, dass es eigentlich eine Sonnenblume ohne Stacheln sein sollte, dann wird es ihm zunehmend schwerer fallen, sich gut zu entwickeln. 

Ein Jugendlicher, der immer wieder (verbal oder non-verbal) vermittelt bekommt, dass er so, wie er gerade ist, nicht sein sollte, wird entweder – je nach Persönlichkeitsstruktur – für seine Integrität (sein „Rosen-sein“) kämpfen und rebellieren, oder sich anpassen und irgendwann selbst glauben, dass er keine Dornen haben dürfte. 

Aus tiefstem Herzen Vertrauen schenken, setzt Potentiale frei

In den vielen Jahren, in denen ich Jugendliche begleiten durfte, habe ich erstaunlicher Weise immer wieder dasselbe „Wunder“ erlebt: wenn es den Erwachsenen gelungen ist, die Jugendlichen aus tiefstem Herzen spüren zu lassen, dass sie ihnen vertrauen, dass sie IHREN Weg – mit allen Umwegen, die mit dem Erwachsenwerden und Menschsein verbunden sind – gehen werden, dass sie auch „Fehler“ – die ich gerne durch das Wort „Erfahrungen“ ersetze –  machen dürfen, dann war es ihnen plötzlich möglich, zu ihrer eigenen Höchstform aufzulaufen. Plötzlich erwachte ihr eigener Ehrgeiz, ihre innere Kraft, und sie haben Dinge geschafft, die die meisten Erwachsenen ihnen niemals zugetraut hätten. Der Volksmund spricht dann oft davon, dass Kindern „der Knopf aufgegangen ist“. Aber eigentlich ist es nichts anderes, als dass sich die Pflanze in ihrem Tempo entwickelt hat und aufgeblüht ist. 

Manche Pflanzen wachsen anfänglich vielleicht langsam unter der Erde. Von oben schaut es dann so aus, als ob sich nichts entwickeln würde. Dem Pflänzchen hilft es dann nicht, wenn ich ständig in der Erde rumbuddle, um nachzusehen, ob der Samen noch da ist. Es braucht unser Vertrauen, dass die Pflanze in IHREM Tempo ans Licht wachsen wird. Andere Pflanzen wachsen schneller, aber plötzlich scheint das Wachstum zu stoppen, und die Blüte entfaltet sich ganz langsam. Auch da ist es kontraproduktiv, wenn ich beginne ständig zu düngen, umzutopfen, noch mehr zu gießen, … damit sie schneller wachsen. Nein, auch hier braucht es wieder mein Vertrauen, dass die Blüte dann aufgehen wird, wenn es der richtige Zeitpunkt für die Pflanze ist.

Wie können das Eltern in der Praxis umsetzen?

Wie können Eltern nun in der Praxis ihre Kinder bestmöglich begleiten, damit sie in ihrer vollen Pracht erblühen können?

  1. Indem ihr euch zuerst einmal selbst Zeit nehmt, zu analysieren, welche Themen denn zu immer wiederkehrenden Konflikten führen. Meist kann man diese Themen an einer Hand abzählen. 
  2. Dann braucht es eure Bereitschaft, ehrlich in euch hineinzuspüren, wo denn die Ursachen für diese Konflikte liegen könnten. Sehr oft ist es die Angst und Sorge um unsere Kinder. Angst und Sorge sind allerdings keine guten Berater, sondern sie fördern Unsicherheit und schwächen unsere Kinder: „Meine Eltern trauen mir nicht zu, dass ich das schaffe!“ 
  3. Oft steckt aber hinter dieser Angst auch das oben erwähnte: „Ich hätte gerne, dass du anders bist, als du bist!“ Wenn ihr euch dabei nicht sicher seid, dann holt euch Feedback von euren Jugendlichen. Normalerweise sind sie mit ihren Rückmeldungen (für uns oft verletzend) ehrlich.
  4. Und sollte es tatsächlich so sein, und die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich hoch, dass sie es so empfinden, dann braucht es euren Mut, euch gemeinsam an den Tisch zu setzen und ihnen Fragen zu stellen:
    „Was brauchst du von mir?“
    „Was kann ich tun, damit du spürst, dass ich dich liebe wie du bist?“, …
  5. Und wenn ihr ehrlich verstanden habt, was eure Kinder von euch brauchen, und wenn ihr aus tiefstem Herzen bereit seid, ihnen das zu geben, dann beginnt das Training.

Dabei werdet ihr ziemlich sicher immer wieder in eure alten Verhaltensmuster fallen, immer wieder werdet ihr „Fehler“ machen. Das gehört dazu. Auch ihr seid gut, wie ihr seid. Wenn ich heute beschließe, einen Marathon laufen zu wollen, kann ich normalerweise morgen nicht einfach 42km laufen, sondern es braucht regelmäßiges, geduldiges Training. Auch neue Verhaltensweisen wollen trainiert werden. Nehmt dabei auch eure Kinder in die Verantwortung, indem ihr sie einladet, euch liebevoll auf eurem Weg zu unterstützen. Macht mit ihnen „Signalwörter“ aus, mit denen sie euch sofort Feedback geben können, wenn ihr wieder einmal Dinge gesagt oder getan habt, die ihr nie wieder sagen oder tun wolltet. Damit lasst ihr einerseits eure Kinder spüren, dass sie euch so wichtig sind, dass ihr bereit seid, sich für sie zu entwickeln, und gleichzeitig lernen eure Kinder, in sich hineinzuspüren und zu fühlen, was sie brauchen. Dieses Selbstgefühl ist im weiteren Leben eine wesentliche Ressource, um beispielsweise Burnouts oder Depressionen zu verhindern.

Ich wünsche euch ein liebevolles und geduldiges Trainieren und Wachsen gemeinsam mit euren Kindern und freue mich auf eure Kommentare und Fragen. Alles Liebe eure Ines

Heute möchte ich euch ein ganz konkretes Werkzeug vorstellen, das ich „Klassenforum“ nenne. Es handelt sich dabei um ein Setting, das dazu beitragen kann, dass Beziehung im Schulalltag erfahren, gelernt, gelehrt und auch gelebt werden kann. Die Methode habe ich aus dem sogenannten „World-Café“ für die Schule adaptiert.

Ich bin fast täglich mit Eltern, Kindern und Jugendlichen konfrontiert, die davon erzählen, dass es im Familienleben kaum mehr Gespräche gibt, die sich nicht um dieses Thema drehen.

Jugendliche brauchen die Klarheit der Erwachsenen, denn diese sind alleine schon aufgrund ihres Eltern- und Erwachsenseins zu 100 Prozent für die Atmosphäre und das Gesprächsklima in der Familie verantwortlich. Jugendliche können diese Verantwortung nicht übernehmen.

Bewertungen und nicht selten Abwertungen der Erwachsenen sind in vielen Familien häufig der Auslöser für eskalierende Streits, da Menschen, die sich nicht verstanden fühlen, beginnen, sich und ihre Gefühlswelt zu rechtfertigen.

Im 2. Teil meiner kleinen Serie möchte ich einen weiteren Gedanken mit euch teilen, der euch als Eltern vielleicht dabei unterstützen kann, einen Perspektivenwechsel im Blick auf die „Vergehen“ eurer jugendlichen Kinder zu werfen.

Im dritten und letzten Teil meiner Textserie geht es um einen Impuls, der mich vor vielen Jahren wirklich wachgerüttelt und mir bewusst gemacht hat, dass es eine gute und eine schlechte Nachricht in der Beziehung zu meinen Kindern gibt.

Viele Eltern haben einen klaren Standpunkt: Sie wollen unbedingt von ihren Kindern Vertrauen einfordern. Vertrauen aber ist Übungssache. Hier kommen Lösungsvorschläge, wie Eltern Vertrauen zu ihren Jugendlichen aufbauen oder vertiefen können.

Ich habe vor mittlerweile fast 20 Jahren schmerzhaft erkannt, dass ich im Umgang mit meinen Mitmenschen, aber nicht zuletzt auch im Verhalten zu mir selbst etwas ändern „muss“, wenn ich auch mir in Zukunft eine liebevolle, verständnisvolle und geduldige Begleiterin sein will.

Da mir Jugendliche seit drei Jahrzehnten sehr am Herzen liegen, möchte ich heute einige Gedanken mit euch teilen, die die von Erwachsenen angeprangerten Fehlverhalten der Jugendlichen hoffentlich in ein neues Licht rücken werden.